{"id":102,"date":"2024-07-01T22:05:52","date_gmt":"2024-07-01T20:05:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=102"},"modified":"2024-07-16T12:10:41","modified_gmt":"2024-07-16T10:10:41","slug":"text-antje-m-lechleiter-zeichnungen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=102","title":{"rendered":"Text Antje M. Lechleiter &#8211; ZEICHNUNGEN"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-right is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-765c4724 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=65\">zur\u00fcck<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>ANTJE M. LECHLEITER<\/p>\n\n\n\n<p>DIE ZEICHNUNGEN<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik hat bereits im 19. Jahrhundert aufgrund der mit ihrer Immaterialit\u00e4t zusammenh\u00e4ngenden Zeitlichkeit einen gro\u00dfen Einflu\u00df auf die bildende Kunst ausge\u00fcbt. Der Versuch, die Bildkunst der Zeit als vierten Dimension zu \u00f6ffnen, war sp\u00e4ter in der Entstehungsphase der Abstraktion besonders wichtig. Die dort auf ihre \u00dcbertragbarkeit hin \u00fcberpr\u00fcften Kategorien der Musik finden bis heute und auch im Zwischenbereich von Abstraktion und Gegenst\u00e4ndlichkeit ihre Anwendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ludmilla von Arseniew nennt einen Teil ihrer Arbeiten \u00bbPortraits\u00ab beziehungsweise \u00bbPartituren\u00ab. Die Zeichnungen verdeutlichen, da\u00df die Entfaltung der \u00bbPartitur\u00ab auf dem Papier nicht zwangsl\u00e4ufig mit dem Klangcharakter der Farbe zu tun haben mu\u00df. Erzeugen in den Gem\u00e4lden die Farben eine Mehrstimmigkeit, so treten die Graphiken eher solistisch hervor. Unweigerlich denkt man an Werke des Zen-Buddhismus, wo das einsame Lied eines Vogels im Winter zu kalligraphischen Meisterwerken \u00bbvertont\u00ab wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Licht und die Entfaltung der Farbregister auf der Leinwand er\u00f6ffnen in den Gem\u00e4lden einen imagin\u00e4ren (Farb)raum, doch auch bei der Arbeit mit dem Stift, der Feder und dem Tuschpinsel wendet sich die K\u00fcnstlerin von der Darstellung eines Landschaftsraumes in traditioneller Weise ab. Bei den \u00bbPortraits\u00ab von Rebst\u00f6cken filtert ihre Wahrnehmung das Objekt von jeglichem \u00fcberfl\u00fcssigen Beiwerk. Formen und Strukturen verselbst\u00e4ndigen sich, die Zeichenhaftigkeit des Einzelgegenstandes erm\u00f6glicht eine Vielzahl unterschiedlicher Assoziationen, die von den Sehgewohnheiten und Wahrnehmungserfahrungen des jewei-ligen Betrachters abh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unzweifelhaft beschreibt Ludmilla von Arseniew aber Zust\u00e4ndlichkeiten, der Rebstock auf dem Blatt \u00bbExhumiert I\u00ab erinnert beispielsweise an einen Fallenden, und man denkt an das religi\u00f6se Thema \u00bbSturz der Verdammten\u00ab. Reflexe aus der christlichen Kunst nimmt dar\u00fcber hinaus das Motiv des Gefesselten auf (\u00bbEntwurzelt II\u00ab), das dort bei Darstellungen des Gekreuzigten und des Hl. Sebastian zu finden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht der K\u00fcnstlerin allerdings weniger um religi\u00f6se Bilder im herk\u00f6mmlichen Sinne als um das Bildhaftmachen von strukturellen Prinzipien. Die einzelnen Variationen der Bewe-gungsfiguren f\u00fchren zu weiteren Bedeutungsebenen, so leitet die Assoziation mit Insekten in den Bereich der vormenschlichen Erdgeschichte und verst\u00e4rkt die bereits in den Wein-st\u00f6cken angelegte Symbolik von Fruchtbarkeit, Leben und Wandlung. Insekten tragen eine ungleich l\u00e4ngere Summe von Erfahrungen als der Mensch in sich und werden bei ihrem Handeln von Instinkten und \u00fcber feinste Wahrnehmungsorgane gesteuert. Der Automatismus ihrer Handlungen schl\u00e4gt sich formal in der stenogrammartigen Erfassung ihrer K\u00f6rper nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine rhythmische Grundform, die auf die Konfrontation von zwei entgegengerichteten \u00bbHandlungsstr\u00e4ngen\u00ab hinzielt, findet sich sehr h\u00e4ufig in den Zeichnungen der K\u00fcnstlerin: Der Stamm der Rebe ist auf eine vertikal verlaufende Linie ausgerichtet, und es entsteht eine Parallelit\u00e4t, welche die Darstellung im unteren Bereich des Blattes zur Ruhe f\u00fchrt (\u00bbtastend\u00ab). Die nach oben greifenden \u00c4ste sind dagegen frei beweglich, und die Stelle, an der sich beide Momente kreuzen, erzeugt eine sensible und besonders spannungsvolle Zone im Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dynamik des Reifens und Wachsens ist f\u00fcr Ludmilla von Arseniew eine Metapher f\u00fcr den Ablauf des Lebens, mit dem der Tod untrennbar verbunden ist. Das Thema \u00bbEntwurzelt\u00ab beschreibt dieses Spannungsfeld von Leben und Tod. Werden die St\u00f6cke n\u00e4mlich ausge-graben, \u00bbexhumiert\u00ab, dann verlieren sie mit ihren Wurzeln die Verbindung zur Erde und damit auch die Energie des Wachsens und der Reifung. Mit der Aufhebung der (partiellen) Festigung verschwindet die sich zuvor in reichen Nuancen entfaltende F\u00fclle.<\/p>\n\n\n\n<p>Variieren die \u00bbPortraits\u00ab ein Einzelmotiv, so steigern die \u00bbPartituren\u00ab diese Chiffren zu mehrstimmigen \u00bbMusikst\u00fccken\u00ab. Die Befestigungs-dr\u00e4hte der Reben erinnern an Notenlinien (\u00bbTanz\u00ab), welche mittels der senkrechten St\u00fctzen wie durch Taktstriche unterteilt werden. Dazwischen beschreiben die Weinst\u00f6cke das Changieren und die Entwicklung der T\u00f6ne, es gibt Wiederholungen, Verzierungen (\u00bbSchlachtfeld I\u00ab) und nicht zu vergessen Pausen &#8211; die leeren Stellen im Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Der bei den \u00bbPortraits\u00ab beschriebene Gegensatz von labil und stabil findet sich auch in den \u00bbPartituren\u00ab. Hier werden die Reben in ein netzartiges Geflecht aus Dr\u00e4hten und St\u00fctzen eingespannt, das den St\u00f6cken lediglich in der oberen Bildh\u00e4lfte einen gewissen Freiraum gestattet. Diese formale Reduktion der wie in einem meditativen Akt hingeschriebenen Symbole f\u00fcr unterschiedliche Eindr\u00fccke und Assoziationen findet Eingang und steigert sich im Thema der Graphiken: Es geht um das Motiv des Gefangenseins, der Beschneidung und Zur\u00fccknahme, doch es ist un\u00fcbersehbar, da\u00df in den gezeichneten Portraits und Partituren von Ludmilla von Arseniew der Drang nach Reifung und freier Entfaltung in der \u00bbOberstimme\u00ab zur Erscheinung kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Antje M. Lechleiter \u201eDie Zeichnungen\u201c, in Katalog Ludmilla von Arseniew `WEIN \u2013 berge \u2013 felder \u2013 st\u00f6cke\u00b4, Cantz-Verlag, 1995<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ANTJE M. LECHLEITER DIE ZEICHNUNGEN Die Musik hat bereits im 19. Jahrhundert aufgrund der mit ihrer Immaterialit\u00e4t zusammenh\u00e4ngenden Zeitlichkeit einen gro\u00dfen Einflu\u00df auf die bildende Kunst ausge\u00fcbt. 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