{"id":106,"date":"2024-07-01T22:05:52","date_gmt":"2024-07-01T20:05:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=106"},"modified":"2024-07-16T12:36:11","modified_gmt":"2024-07-16T10:36:11","slug":"text-heinrich-theissing","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=106","title":{"rendered":"Text Heinrich Theissing"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-right is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-765c4724 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=65\">zur\u00fcck<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>HEINRICH THEISSING \u2013 Ludmilla von Arseniew, 1971<\/p>\n\n\n\n<p>Ludmilla von Arseniew f\u00fcgt ihre Bildgestaltung aus einem antithetischen Formprinzip. Strenger Bildordnung in der Gesamtkomposition antwortet Formoffenheit in der Feinstruktur, so da\u00df sich eine eigent\u00fcmliche Spannung von Ausgewogenheit und Unmittelbarkeit ergibt. Vereinfachung und Entwirrung der Darstellung werden mit spontanem Ausdruckswillen verkn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Synthese gegens\u00e4tzlicher Formtendenzen findet ihren konsequenten Ausdruck im Thema der Landschaft. In ihr werden wenige, grundlegende Leitlinien aufgesucht, zwischen denen sich unmittelbare Pinselschrift und sublime Farbnuancierung entfalten k\u00f6nnen: Horizont, Wolkenb\u00e4nder, K\u00fcstenstreifen &#8230; F\u00fcr diese Wirkungen wird das Lokalkolorit fruchtbar gemacht. Es will allerdings nicht Individualformen, Einzelerscheinungen kennzeichnen, sondern zieht die Objekte zu Erscheinungsbereichen zusammen: Farbbahnen, die monochrom angelegt erscheinen, in sich aber stark variieren, ja unmerklich zu Kontr\u00e4rt\u00f6nen \u00fcberwecheln k\u00f6nnen. Die F\u00fclle der Farbdifferenzierung erschlie\u00dft sich bei zunehmender Dauer der Betrachtungszeit. Eine eindeutige Entscheidung gegen momentane Erlebnis-weisen wird getroffen, indem alle Mitteilungsformen zu langw\u00e4hrendem Sich-Einlassen auffordern, zum Verweilen und Sich-Versenken. Man hat zuweilen dieses Zeitverh\u00e4ltnis auf die russische Herkunft der Malerin zur\u00fcckgef\u00fchrt. Dies sei dahingestellt; mit Sicherheit wird man sagen m\u00fcssen, da\u00df hier eine bewu\u00dfte Haltung gegen die visuelle Informationsschwemme und Informationsfl\u00fcchtigkeit des technischen Zeitalters gegeben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierbei kommen Gestaltungsprinzipien zum Tragen, die zur Verfremdung des Dargestellten f\u00fchren. Indem alle Formmittel ausgespart werden, welche auf den Orientierungssinn des Betrachters Bezug nehmen, entzieht sich die dargestellte Landschaft. Da keine Perspektive geboten ist, kann der Beschauer weder seine Entfernung zum Dargestellten noch einen festen Standpunkt davor bestimmen; und der Verzicht auf Gegenstandswiedergabe vorenth\u00e4lt dem Auge jeglichen Fixpunkt. So wird das Blicken verunsichert, einer Haltlosigkeit \u00fcberlassen, die \u00fcber das Betrachten hinaus zu einem meditativen Verhalten f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem auf diese Weise der konkrete Bildinhalt dem Betrachter ungreifbar wird, bewahrt das Bild selbst seine Eigenst\u00e4ndigkeit. Es ist nicht Nachahmung, vermittelt nicht die Illusion einer bestimmten Au\u00dfenwelt, sondern es erscheint als autonomes Fl\u00e4chengebilde. Es begegnet als Bild, w\u00e4hrend es als Abbild fremd und distanziert bleibt. Die Naturwirklichkeit, die in ihrer individuellen Erscheinung entgleitet, erh\u00e4lt als bildnerischer Begriff eine neue Konkretheit. Die Farbe als ausschlie\u00dflicher Bildtr\u00e4ger \u00fcberf\u00fchrt die rational me\u00dfbare Welt in einen Zustand der Raum- und Zeitlosigkeit, so da\u00df die Kunst zu einem eigenen Erfahrungsbereich wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die geistigen Wurzeln f\u00fcr diese Kunst liegen in der Malerei des 20. Jahrhunderts und reichen bis zum Anfang des 19.Jahrhunderts zur\u00fcck. Die Formverbindung von Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit und Freiheit, die Ludmilla von Arseniew herstellt, fu\u00dft auf Entwicklungslinen, welche getrennt in Mondrian und Kandinsky zum entscheidenden Ausdruck kamen: der Wille zu Ordnung und Geschlossenheit einerseits, andererseits das Streben nach Aufl\u00f6sung und Unstrenge. Diese gegenpoligen Tendenzen zur Einheit zu bringen, wird unternommen, wobei Problemstellungen des romantischen Denkens neu reflektiert werden. Ohne da\u00df es der Malerin bewu\u00dft war, hatte schon Philipp Otto Runge den Begriff \u201eWolkenbilder&#8220; gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Caspar David Friedrichs Landschaften suchten aus romantischem Bewu\u00dftsein die Wirklichkeit zu transzendieren. Dies geschah in einer dualistischen Spannung von Diesseits und Jenseits. Solche Dialektik ist f\u00fcr den K\u00fcnstler des 20. Jahrhunderts nicht mehr pr\u00e4gend. Er kann sie aufheben, indem er das Bild als eine eigene Wirklichkeit, als selbst\u00e4ndiges Gebilde schafft. So wird f\u00fcr Ludmilla von Arseniew ein Kunstwollen bestimmend, das in jeder Hinsicht zur Synthese strebt, zu einer Vereinigung von Ordnung und Freiheit, von Rationalit\u00e4t und Irrationalit\u00e4t, von Endlichkeit und Unendlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Heinrich Theissing in Katalog `Ludmilla von Arseniew \u2013 Arbeiten von 1958-1980\u00b4, D\u00fcsseldorf 1980<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>HEINRICH THEISSING \u2013 Ludmilla von Arseniew, 1971 Ludmilla von Arseniew f\u00fcgt ihre Bildgestaltung aus einem antithetischen Formprinzip. Strenger Bildordnung in der Gesamtkomposition antwortet Formoffenheit in der Feinstruktur, so da\u00df sich eine eigent\u00fcmliche Spannung von Ausgewogenheit und Unmittelbarkeit ergibt. Vereinfachung und Entwirrung der Darstellung werden mit spontanem Ausdruckswillen verkn\u00fcpft. 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