{"id":110,"date":"2024-07-01T22:05:52","date_gmt":"2024-07-01T20:05:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=110"},"modified":"2024-07-16T12:38:09","modified_gmt":"2024-07-16T10:38:09","slug":"text-lutz-wissler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=110","title":{"rendered":"Text Lutz Wissler"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-right is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-765c4724 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=65\">Zur\u00fcck<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>LUTZ WISSLER<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer rotgrundigen Schale des Exekias, um 530 v. Chr.,&#8216; sehen wir im Innern eines Schiffes halb aufgerichtet ruhend Dionysos den Blick vorw\u00e4rts ein wenig empor zum Mast gerichtet. Dieser ist doppelt umschlungen von einem Rebstock, dessen Trauben tragende Zweige die Segel des Schiffes in H\u00f6he und Breite weit \u00fcberragen: Dionysos spendet der Menschheit den Wein; Pfahl und Rebstock in gro\u00dfer stilistischer Geb\u00e4rde. (Eine Legende hierzu gibt ein altionischer Dionysos-Hymnos, der Homer zugeschrieben wird.)<\/p>\n\n\n\n<p>Rebstock und Pfahl, Erdreich und Landschaft, in der dieses G\u00f6ttergeschenk hier im Markgr\u00e4fler Land gedeiht, das ist seit etwa 1990 das Thema der Malerin Ludmilla von Arseniew.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wilna von russischen Eltern geboren, ist sie gleich nach dem Abitur dem Anruf der bildenden K\u00fcnste, genauer der Malerei, gefolgt und hat diesen Weg gegen alle Widerst\u00e4nde, die sich bei einer so entschlossenen eher ungew\u00f6hnlichen Berufswahl f\u00fcr eine junge Frau ergeben, unerbittlich weiter beschritten. Stationen und Orte des Verweilens und Malens seien hier nicht n\u00e4her beschrieben, Stichworte finden sich in der VITA dieses Bandes. Auch eine Geschichte ihrer Kunst kann hier nicht gegeben werden, wenn diese auch in wechselnder Thematik und variiertem Sehen sich in Lebensabschnitten ihrer Zeit abspielt und somit Geschichte bildet. Immer ist es gegenst\u00e4ndlich Gesehenes, was sie zur k\u00fcnstlerischen Metamorphose, zum Umsetzen in ein Bild herausfordert. Das ist auch die Grundlage allen fr\u00fcheren und sp\u00e4teren Komponierens gewesen, auch wenn sich Geheimnis, Trauer, Freude, Verg\u00e4nglichkeit und Wiederauferstehen wie unversehens in einem mythischen Hauch in ihren Bildern einfinden k\u00f6nnen: Wer zu sehen wei\u00df, erkennt die sich wandelnde Natur. So geben ihre Bilder oft Zeiten an, Jahreszeiten, die unverwechselbar charakteristisch sind, aber beim zweiten Blick schon die Zeit vor oder nach dieser Zeit ahnen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Kunst ist durch die Jahre hindurch eine eigenst\u00e4ndige Malerei geblieben, d.h. sie hatte stets ihren \u00bbeigenen Stands, unbeirrt von spektakul\u00e4ren Zeitforderungen oder Anleihen bei technisch physikalischen Staffagen. Und auch die Sehweisen, das Auffassen der Erscheinungen dieser Welt, das Staunen vor Wirklichkeit und Licht, darin sich Werden und Vergehen spiegeln, sind Modalit\u00e4ten des Malerischen ohne jede Attit\u00fcde gezwungener Abstraktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Eigenst\u00e4ndigkeit bedeutete auch einen eigenen Stand gegen\u00fcber den W\u00fcnschen von Kunstmarkt und Galerien zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ludmilla von Arseniew lernte das Markgr\u00e4fler Land und den Kaiserstuhl in den achtziger Jahren bei mehrfachem Durchreisen nach Rom mehr absichtslos als kunstgezielt kennen, war angetan und bezaubert von Landschaft und Licht und w\u00fcnschte nach Abschlu\u00df der Rombilder hier zu malen. Es gelang ihr auch eine Bleibe zu finden, von der aus sie zu jeder Zeit, die ihr ihr D\u00fcsseldorfer Wohnsitz und ihre M\u00fcnsteraner Lehrverpflichtungen lie\u00dfen, sich diese Landschaft zeichnend, skizzierend, malend zu eigen machte. In ihren k\u00fcnstlerischen Betrachtungen und Darstellungen fand sie oft ein fast \u00absprechendes\u00ab Gegen\u00fcber in den Reben, einzelnen Rebst\u00f6cken und in Verbindung hierzu Rebpf\u00e4hlen. Bei den ersten Malen dieser Aufenthalte war ihr sicher selbst noch nicht bewu\u00dft, welch* umfassendes \u0152uvre hieraus in den Jahren entstehen sollte. Den Sp\u00e4therbst, Winter und Fr\u00fchjahr 1993\/94 konnte sie in Kontinuit\u00e4t in HEITERSHEIM verbringen dank gl\u00fccklicher Vermittlung im derzeit wenig genutzten ehemaligen Minoriten-Kloster und jetzigen katholischen Pfarrhaus. Hier entstanden neben zahlreichen (eigentlich: zahllosen, das t\u00e4gliche Pensum bedeutet 10 bis 20 Bl\u00e4tter) weiteren Skizzen in verschiedener Technik eine Reihe von gro\u00dfen bedeutenden Bildern, die neue Aspekte des schon gestalteten und gro\u00df formulierten Werkes gaben. In einer Ausstellung im Kloster zu Ende dieser Zeit konnte ein Teil der dort entstandenen Arbeiten gezeigt werden. Ihren gro\u00df angelegten Bildern liegen sehr viele kleinformatige Studien in Blei, Kreide, Aquarell zugrunde; diese werden in gro\u00dfer Abgeschiedenheit in der Natur bei jedem Wetter geschaffen und die selbstvergessene Versenkung in ihre Objekte zeigt den winterlich kahlen Weinstock noch Leben verk\u00fcndend und in seinem Wachstum ein pflanzlich geheimnisvoll geformtes Individuum wie sonst nur die Olive. Eine komplexe Realit\u00e4t der stummen Gesch\u00f6pfe der Natur wird hier im Bilde zum Sprechen gebracht. Der Urgrund dieses Schaffens liegt in Einsamkeiten und Schweigen, die tage- und wochenlang in gro\u00dfer Konzentration durchlebt werden. Duns Scotus, Scholastiker des sp\u00e4ten Mittelalters, sagt hierzu: \u00bbAd personalitatem requiritur ultima solinudo.\u00ab Und Goethe kurz und treffend zum Thema der Sch\u00f6pfungskraft (hei\u00dft heute Kreativit\u00e4t): \u00bbMeine Sachen werden Kinder der Einsamkeit\u00ab Wenn in den malerisch ber\u00fcckenden Darstellungen fr\u00fcherer Jahre (Rombilder, Pompeii-Bilder) noch emotionale Z\u00fcge hinsichtlich Verg\u00e4nglichkeit, Vergehen und Werden, der \u00bbquasi Sieg\u00ab der Natur \u00fcber von Menschen Geschaffenes anhalten mag, so ist die Erkenntnistiefe der Bilder dieser Jahre jetzt von gro\u00dfer Reife und Selbstverst\u00e4ndlichkeit gegen\u00fcber dem stillen Wachsen aller Natur, der einsamen R\u00fcckkehr in die stumme Erde und der kraftvollen Belebung des neuen Werdens.<\/p>\n\n\n\n<p>J.J. Bachofen schreibt in einer Aufzeichnung 1854: \u00bbDie Stille der Natur ist die w\u00fcrdigste Umgebung einer ewigen Wohnung. Wenn den Menschen Alles verlassen hat, so umschlingt noch die Erde mit ihren Gew\u00e4chsen das steinerne Haus.\u00ab &#8211; Die Menschen, die, wie unsere Medien immer wieder vermitteln, offenbar den Tod wollen, finden hier in diesen sch\u00f6nen Bildern das Continuum von Werden und Vergehen, das Entstehen von Gew\u00e4chsen, Bl\u00fcten und Frucht aus dem Grunde verschwiegener Verg\u00e4nglichkeit, die \u00dcberwindung des Todes. Es ist in diesem Rahmen, der mehr Hinweis als umfassende W\u00fcrdigung geben kann, nicht m\u00f6glich, auch nur die \u00bbgro\u00dfen\u00ab Bilder zu interpretieren, \u00bbSchauhilfen\u00ab zu geben (wenn sie denn n\u00f6tig sind), kurz eigene Auffassungen herauszustellen. Auf einiges sei jedoch verwiesen, weil hier Strukturen ihrer Malerei (und deren Wirkung auf mich) in Erscheinung treten:<\/p>\n\n\n\n<p>Folgende Bildtitel der Bilder: \u00bbNach dem letzten Herbst\u2039, \u00bbHinter St. Ilgen\u00ab, \u00bbfettes Gras\u00ab aber auch \u00bbB\u00f6schung\u00ab und \u00bbKr\u00e4hensenke\u00ab wie \u00bbWeizenfeld\u00bb (wo gibt es seit van Gogh ein solches Feld!), auch \u00bbkleines Maisfeld\u00ab, zeigen &#8211; dieses sei nur herausgegriffen &#8211; eine Vielzahl unendlich sensibler Pinselstriche, die im einzelnen absichtslos erscheinen, im ganzen aber in ihrer unbeschwerten Strichf\u00fchrung in gro\u00dfem Raffinement die Fl\u00e4chen beherrschen, um die eigene Besessenheit des Sehens zu bezwingen und zum Bild zu f\u00fchren. Das Absichtslose zeigt sich hier als Triumph letzter malerischer Absicht. Auch diese im Format gr\u00f6\u00dferen Bilder zeigen einen malerischen Kosmos neben den anderen, aus denen in musikalischem Flie\u00dfen ein Crescendo und Decrescendo von Licht und Schatten wird, wie der dirigierende Wind es anordnet. Diese in letzter Zeit erneut gemalten gro\u00dfen Felder, wie sie in der Nachbarschaft der beschworenen Einzelst\u00fccke von Reben und Buschwerk sich in der Landschaft finden, geben einen &#8211; vorl\u00e4ufigen &#8211; gro\u00dfen Schlu\u00dfakkord europ\u00e4ischen Verstehens unserer Erdoberfl\u00e4che wie sie auch im S\u00fcdwesten Badens dargestellt werden kann. Dies sind die gewandelten Gesichter einer verzauberten aber auch entzauberten Natur, unterschiedliche Zust\u00e4nde bedeutend, den Mythos des Ortes kennzeichnend und eingeordnet der gro\u00dfen k\u00fcnstlerischen Sicht einer im Grunde stillen Landschaft, deren Sch\u00f6nheit erblickend der Mensch verstummt und ergriffen auf Zeichen lauscht. Der sich so vollkommen darbietenden Natur malerisch bedeutend entgegenzutreten, erscheint fast ein Wagnis. Eine Freundin von Ludmilla fand den Satz: Ihre Bilder sind die Transzendierung der Natur durch den menschlichen Geist.<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Wir sind Freunde von L.v.A., sind in ganz anderen weltlich-normalen Berufen t\u00e4tig, haben aber unsere Augen f\u00fcr uns behalten nicht nur gegen\u00fcber Sensation und Spekulation, sondern auch gegen\u00fcber der Malerei von L.v.A., der wir versucht haben, kritisch in zeitlichen Abst\u00e4nden zu folgen. Wir sind auch mit unserem Leben dem Markgr\u00e4fler Land in Jahrzehnten verpflichtet und sagen dankbar in Analogie zum Beginn (EXEKIAS ENOIEZEN) \u00bbLudmilla pinxit\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: Lutz Wissler, in Katalog Ludmilla von Arseniew `WEIN \u2013 berge \u2013 felder \u2013 st\u00f6cke\u00b4, Cantz-Verlag, 1995<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LUTZ WISSLER Auf einer rotgrundigen Schale des Exekias, um 530 v. Chr.,&#8216; sehen wir im Innern eines Schiffes halb aufgerichtet ruhend Dionysos den Blick vorw\u00e4rts ein wenig empor zum Mast gerichtet. Dieser ist doppelt umschlungen von einem Rebstock, dessen Trauben tragende Zweige die Segel des Schiffes in H\u00f6he und Breite weit \u00fcberragen: Dionysos spendet der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-110","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=110"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1833,"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/110\/revisions\/1833"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}