{"id":114,"date":"2024-07-01T22:05:52","date_gmt":"2024-07-01T20:05:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=114"},"modified":"2024-07-20T12:04:17","modified_gmt":"2024-07-20T10:04:17","slug":"text-lva-die-freiheit-der-kunst","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=114","title":{"rendered":"Text LvA &#8211; Die Freiheit der Kunst"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-right is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-765c4724 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/ludmilla-von-arseniew.de\/?page_id=65\">Zur\u00fcck<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>Ludmilla von Arseniew &#8211; Die Freiheit der Kunst<\/p>\n\n\n\n<p>Immatrikulationsrede, gehalten am 3.11.1976 in der Abteilung f\u00fcr Kunsterzieher der Staatl, Kunstakademie D\u00fcsseldorf in M\u00fcnster<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Kommilitonen und Kommilitoninnen, meine Damen und Herren!<\/p>\n\n\n\n<p>Als mir der vom Leiter des Instituts als ehrenvoll bezeichnete Antrag, heute hier vor Ihnen eine Rede halten zu sollen, mitgeteilt wurde, befiel mich mehr ein Gef\u00fchl der Beklemmung als das einer ehrenvollen Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen ist das Sprechen in der Form des Vortrags nicht mein Beruf, zum anderen empfand ich keine Notwendigkeit, wor\u00fcber unbedingt, in diesem Hause, zu dieser Zeit, zu Ihnen allen, gerade ich, sprechen m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar \u00fcbt der Hochschullehrer in seiner k\u00fcnstlerischen Klasse das Reden aus, gespr\u00e4chsweise, dialogisch, auch monologisch, doch stets bezogen auf ein Vorliegendes, sei es ein Kunstwerk, eine Sch\u00fclerarbeit oder die Frage eines Menschen. Etwas in dieser Weise unmittelbar f\u00fcr diese Rede Vorliegendes nicht in mir vorfindend und in reflektierender und diskutierender Weise besch\u00e4ftigt mit den macht- und kulturpolitischen Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres um \u201efreie Kunst&#8220; und das k\u00fcnstlerische Lehramt, um die neue Akademieverfassung, um Studieng\u00e4nge, um Studien- und Pr\u00fcfungsordnungen, kreisten alle meine mit diesen grundlegenden \u00c4nderungen befa\u00dften \u00dcberlegungen um die dort immer mehr schrumpfende Freiheit der Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>So entschlo\u00df ich mich, dies: die \u201eFreiheit der Kunst&#8220; als ein gerade f\u00fcr uns alle in einer sehr verwickelten Weise akut Vorliegendes zu ergreifen; wissend, da\u00df Bew\u00e4hrtere, Gestandenere als ich, hier\u00fcber schon zu allen Zeiten so mannigfaltig, tief Einsichtiges gesagt und geschrieben haben, da\u00df mein Entschlu\u00df als \u00fcberfl\u00fcssige Vermessenheit erscheinen mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch, immer wenn diese Freiheit offen oder verdeckt von den Menschen selbst verdr\u00e4ngt wird, sollte jeder, dem dies bewu\u00dft wird, seinen Kr\u00e4ften entsprechend dagegen aufstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberdies hatte ich mich entschlossen, die Sommersemesterferien, die in der Universit\u00e4t aus gutem Grund vorlesungsfreie Zeit genannt werden, in G\u00e4nze einem k\u00fcnstlerischen Vorhaben zu widmen. Indem ich auf den beim Arbeitnehmer \u00fcblichen Urlaub verzichtete, wollte ich &#8211; von der Lehre frei &#8211; au\u00dferhalb der gewohnten Umst\u00e4nde, in Venedig n\u00e4mlich, k\u00fcnstlerisch arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufgabe, diese Rede in derselben Zeit verfertigen zu m\u00fcssen, st\u00f6rte mich in meiner k\u00fcnstlerischen Neuerfahrung so nachdr\u00fccklich, da\u00df ich gerne einem Rat von Eugen Rosenstock-Huessey gefolgt w\u00e4re, den er 1950 in seiner Rede dem Auditorium der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen als einleitende Anekdote zum Beispiel universit\u00e4rer, akademischer Freiheit gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will hier die Anekdote nicht ausbreiten, nur sagen, da\u00df ihre Quintessenz darin besteht, da\u00df der freie, der um seine Wirklichkeit schaffend besorgte Mensch, gegen an sich n\u00fctzliche Konventionen, Regeln, Vorschriften und Ordnungen, seine vordringlichen Notwendigkeiten zu verwirklichen, sich die Freiheit nehmen soll und mu\u00df, weil nur diese Haltung eigene Wirklichkeit erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Konsequenterweise h\u00e4tte ich mich also, diese Freiheit uneingeschr\u00e4nkt in Anspruch nehmend, ohne R\u00fccksicht auf die Vorbereitung dieser Rede, ausschlie\u00dflich meinem Vorhaben widmen m\u00fcssen. Ich habe es nicht getan. W\u00e4re ich nur diesem Anspruch von Freiheit des gerade sch\u00f6pferisch Notwendigen gefolgt, st\u00fcnde ich heute nicht mit meiner Ansprache vor Ihnen. Ich h\u00e4tte stattdessen vielleicht ein wie auch immer zu wertendes k\u00fcnstlerisches Werk, aber keine Rede verfertigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Konflikt zielt mitten in Ihre, in unsere Probleme, die wir mit der Hervorbringung und dem Begreifen von Kunst, mit der Akademie, mit der Studium genannten Ausbildung, mit dem Beruf &#8211; der von der Berufung weg zur blo\u00dfen Arbeit geraten ist -, mit der Kultur in der Gesellschaft, t\u00e4glich erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Konflikt zwischen Freiheit und Bedingtheit, die sich stets gegenseitig in unaufl\u00f6slicher Einheit begleiten, f\u00fchrt zu mehreren \u00dcberlegungen \u00fcber die Haltung des K\u00fcnstlers zu Wirklichkeit, zu Macht, zu Verantwortung und zu Wahrheit. Immer ist dabei Freiheit eine unverzichtbare Bedingung, da\u00df Wirklichkeit wird, da\u00df Macht nur nach bestem Wissen und Gewissen ausge\u00fcbt wird, da\u00df Verantwortung uns alle tr\u00e4gt, da\u00df Wahrheit geschehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Zweifel der K\u00fcnstler fr\u00fcherer Zeiten betrafen ihr eigenes Talent. Die Zweifel der K\u00fcnstler heute betreffen die Notwendigkeit ihrer Kunst, also ihre Existenz an sich&#8220; bemerkt Albert Camus in seinem 1957 in der Universit\u00e4t Uppsala gehaltenen Vortrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser immer noch gegenw\u00e4rtige Zweifel des K\u00fcnstlers (und nicht nur der Gesellschaft) an der Berechtigung seines Tuns er\u00f6ffnet sein deutlich unsicheres, unentschiedenes, verwirrtes Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit und zur Bedeutung des Sch\u00f6pferischen in ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Versucht er ein getreues Abbild der Wirklichkeit zu geben, ger\u00e4t er in die vernichtende Konkurrenz mit der Natur und mit dem Leben, die abzubilden eine v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssige und hybrishafte Wiederholung der Entstehung des Kosmos und seiner gesamten Geschichte w\u00e4re. Er m\u00fc\u00dfte verzweifeln an der Inkonsequenz seines Verhaltens, doch immer nur ein St\u00fcckchen aus dem Ganzen der Umwelt ausw\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, weil er selbst, an Raum und Zeit gebunden, die totale Imitation nie leisten kann. Leistet er sie im ausgew\u00e4hlten St\u00fcckchen dennoch, so reproduziert er im vollst\u00e4ndigsten Falle ein vorgegebenes Ding und ger\u00e4t so unwillk\u00fcrlich zum Fabrikanten mit allen Folgezw\u00e4ngen des Mechanischen. Er gewinnt qualitativ nichts mehr an Wirklichkeit als schon vorhanden ist, und er verliert obendrein sein unmittelbares Verh\u00e4ltnis zu ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also kann der K\u00fcnstler au\u00dfer der Imitation in seinem verunsicherten Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit anderes tun, womit er seiner T\u00e4tigkeit einen Sinn geben k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Last von unverbindlich gewordenen Bedeutungen und Inhalten im ewig gestrigen Gewand mit Recht \u00fcberdr\u00fcssig, erkl\u00e4rt er die Kunst um ihrer selbst willen zur unabh\u00e4ngigen Wirklichkeit, die keiner anderen Realit\u00e4t als ihren selbstgegebenen Spielregeln verpflichtet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier endlich scheint eine gegl\u00fcckte Bereinigung von allen falschen Bindungen gelungen. Entbunden von der Verpflichtung gegen die au\u00dferk\u00fcnstlerische Wirklichkeit ist die Kunst sich selbst ihr Gegenstand und Ma\u00df. Aber ist das in aller Konsequenz m\u00f6glich? Wie sieht solche Kunst aus? Wird sie nicht eine unkonkrete Utopie, erzeugt aus der verst\u00e4ndlichen Abwehr leer gewordener Anspr\u00fcche und aus der ewigen Sehnsucht nach absoluter Freiheit? Im Gefolge dieses von der Wirklichkeit, wie auch von der eigenen Kunstradition befreienden Postulats ist eine gro\u00dfe Zahl von Werken entstanden, die, entweder dieser Forderung nicht konsequent Folge leisteten, und damit die Chance behielten, Kunst zu werden, oder aber jene Flut von willk\u00fcrlichen Abstraktionismen hervorbrachten, die die heillos subjektivistische Willk\u00fcr einer in jeglicher Wirklichkeit desorientierten, auf nichts Gemeinsames bezogenen Betriebsamkeit zur Schau stellten. Diese Kunst war dann zwar eine Wiederspiegelung der weltanschaulichen Konfusion und Verlorenheit aller, sie war jedoch nicht imstande, dieses Wirkliche \u00fcber die Anschauung durch ein sichtbarmachendes Werk ins Bewu\u00dftsein zu heben. Die Entfremdung des absolut gesetzten Ich von der Wirklichkeit verlor alle F\u00e4higkeit, durch sch\u00f6pferische Anverwandlung, Wirklichkeit im Bewu\u00dftsein des Menschen zu erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierin geh\u00f6ren jene unverbindlichen Formalismen und langweiligen Spitzfindigkeiten, die im Akademiejargon so gerne \u201eIdeen&#8220; genannt werden, die den K\u00fcnstler wie den Betrachter um die Kunst betr\u00fcgen und um die anschauliche Aneignung der Wirklichkeit bringen. Die Hypertrophie eines in die bindungslose Leere absolut gesetzten Ich erzeugt jene innere Ferne, die den gesellschaftlichen Ha\u00df auf die Kunst nach sich zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort \u201eDichter&#8220; in unserem Falle durch das Wort \u201eK\u00fcnstler*&#8220; ersetzend, m\u00f6chte ich diesen Gedanken durch ein Zitat von Elias Canetti erweitern: \u201eWenn das Wort K\u00fcnstler* (Dichter) f\u00fcr viele zerl\u00f6chert war, so war es, weil sie eine Vorstellung von Schein und Unernst damit verbanden, etwas, das sich entzog, um sich&#8217;s nicht schwer zu machen. Die Verbindung von hohen All\u00fcren mit dem \u00c4sthetischen, in allen Schattierungen, unmittelbar vor dem Eintritt in eine der d\u00fcstersten Perioden der Menschheitsgeschichte, die sie nicht zu erkennen vermochten, als es schon \u00fcber sie hereinbrach, war nicht dazu angetan, Respekt einzufl\u00f6\u00dfen; ihr falsches Vertrauen, ihre Verkennung der Wirklichkeit, &#8230; ihr Ableugnen jeglicher Verbindung damit, ihre innere Ferne von allem, was faktisch geschah,&#8230;&#8220;, das ist die K\u00fcnstlerposition, aus der heraus der Betrachter im Kunstwerk nur eben das wiedererleben kann, was schon der K\u00fcnstler unbezogen, eben \u201enur so&#8220; gemacht hat. So kann der Sinn von Kunst nicht einsichtig werden und auch ihre Freiheit nicht gemeint sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo geistige, aber auch jede andere Willk\u00fcr ihre Macht ausbreitet, entsteht in der Folge Terror, und die Freiheit der Kunst ist f\u00fcr alle verspielt. Nun mu\u00df der naheliegende Eindruck entstehen, nur noch eine \u201eengagierte Kunst &#8211; im heute h\u00e4ufig benutzten Sinn &#8211; k\u00f6nne diejenige sein, welche Wirklichkeit f\u00fcr das Bewu\u00dftsein ins Werk zu setzen vermag. Doch betrachten wir n\u00e4her, aus welchem Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit das Engagement sich ern\u00e4hrt, so erkennen wir, da\u00df dem Engagierten stets eine \u201ebessere Realit\u00e4t&#8220; als die gerade erlebte vorschwebt, also nicht die gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit, sondern die Utopie einer besseren Zukunft. Sei das nun die pragmatisch orientierte Versprechung von z. B. unverg\u00e4nglicher Sch\u00f6nheit, \u00fcbermorgen, durch eine Seife in der Reklame oder das Schlaraffenland einer eschatologisch betriebenen Zukunft in der Propaganda. Der aus der Motivation f\u00fcr eine bessere Zukunft schaffende K\u00fcnstler mu\u00df stets die gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit nicht nur ablehnen, ja er kann ihr sozusagen zu Lebzeiten gar nicht begegnen, da seine Anschauung stets auf den fernen Horizont des \u201enoch nicht&#8220; gerichtet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Folge entwachsen seine Werke nicht einem unmittelbaren Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit aus der Anschauung, sondern stets nur aus der Vorstellung von einer besseren Realit\u00e4t, die er versucht, im Kunstwerk quasi vorweg-, vorauszuzeigen. Seine Erzeugnisse k\u00f6nnen nur demonstrieren, projizieren und illustrieren, was sie vor-wissen, statt sichtbar machen, was der K\u00fcnstler in der Wirklichkeit durch Anschauung vorfindend, ausw\u00e4hlend und formend in seinem Werk im Bewu\u00dftsein des Menschen wirklich werden lassen kann. Der Engagierte kann dagegen nur die Vorstellungen indoktrinieren, der er programmgem\u00e4\u00df festgelegt hat. Hier verschwindet die Freiheit der Kunst, weil die Wirklichkeit zugunsten einer Utopie \u00fcbersehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend gesagt:<\/p>\n\n\n\n<p>Im imitativen Wirklichkeitsverh\u00e4ltnis tritt Wirklichkeit gar nicht erst ins Bewu\u00dftsein, Freiheit hat keine Chance, Kunst kann nicht entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vermeintliche Freiheit der absoluten Abstraktion macht die Kunst im w\u00f6rtlichen Sinn gegenstandslos, entkleidet sie ihrer Verbindlichkeit zur Welt und tauscht die anf\u00e4nglich begr\u00fcndet erstrebte Freiheit f\u00fcr die Willk\u00fcr subjektiver Einf\u00e4lle ein, denen keine Verbindung mehr zu einer gemeinsam erlebbaren Realit\u00e4t gelingen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eengagierte&#8220; Kunst lehnt unbewu\u00dft die wie auch immer geartete gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit ab und opfert in der Hoffnung auf eine zuk\u00fcnftige Wirklichkeit die Freiheit den unbegrenzten Zw\u00e4ngen und der Intoleranz eines Inhalts- und Formprogramms.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber soll das Verh\u00e4ltnis des K\u00fcnstlers zur Wirklichkeit sein, damit er nicht in die Fallen der vorgenannten Unfreiheiten geht? &#8211; Der K\u00fcnstler ist ja selbst ein Teil der Wirklichkeit, und was heute gern von K\u00fcnstlern verdr\u00e4ngt wird, zur Wirklichkeit geh\u00f6rt notwendig auch die Kunst\u00fcberlieferung. Gerade durch sie k\u00f6nnen wir uns die Erfahrungen und Einsichten unz\u00e4hliger Menschengenerationen als selbst erfahrbare Wirklichkeit aneignen. So setzt die Kunst Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Wirklichkeit, ohne die wir immer wieder von vorne beginnen m\u00fc\u00dften.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus aber steht der K\u00fcnstler in einem Spannungsfeld zwischen seinem Eingef\u00fcgtsein ins Ganze der Wirklichkeit und dem Erlebnis seiner subjektiven Anschauung. Er geh\u00f6rt zu seiner Zeit, er teilt ihre Fehler und Schw\u00e4chen. Dies ist eine notwendige Einsicht in seinen Zusammenhang mit der Wirklichkeit, denn nur diese Haltung erm\u00f6glicht ihm Mitgef\u00fchl f\u00fcr Menschen und Dinge und die angemessene Bescheidenheit seinem eigenen Verm\u00f6gen gegen\u00fcber. Er ist also einerseits gleich und erlebt sich doch auch als unterschieden und besonders. Doch er kann die Nur-Gleichheit so wenig proklamieren wie die Unterschiedenheit zur Maxime erheben, ohne unmittelbar aus der Wirklichkeit herauszufallen in die vorher beschriebenen Bedingtheiten. Er steht also dazwischen und versucht in seiner Kunst die Welt und seine Empfindung, das Wirkliche und das Subjektive einander anzun\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Kunst vermittelt zwischen der Dinghaftigkeit der Welt und der Subjektivit\u00e4t seines erlebenden Ich. Der K\u00fcnstler erschafft in der Kunst die Welt erneut, damit sie f\u00fcr ihn und f\u00fcr seine Mitmenschen im anschaulichen Bewu\u00dftsein sichtbar und erkennbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist eine Beziehung der Kunst zur Wirklichkeit beschrieben, die die Kunst weder autonom aus dem Ganzen heraussetzt, noch in die Versklavung der Wiederholung verst\u00f6\u00dft, noch in die kleinliche Enge des fanatischen Kampfes treibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit der K\u00fcnstler dieser gemeinten Wirklichkeit in Freiheit anschauend begegnen kann, bedarf es seiner offenen und absichtslosen Wahrnehmung, seiner hingebenden Bereitschaft, gelassen und in Liebe aufnehmen zu k\u00f6nnen, was er vor sich sieht. Er mu\u00df mehr verstehen, denn urteilen. Er eignet sich die Wirklichkeit an als einer, der durchl\u00e4ssig ist in allen seinen Sinnen, als Person, zu innerer Resonanz bef\u00e4higt, dies alles, um eine nicht vordefinierte, schon begrifflich gefa\u00dfte Realit\u00e4t ins Werk setzen zu k\u00f6nnen. Wenn er Gl\u00fcck hat, gelingt es ihm, in Einheit mit dem Wirklichen zu geraten und daraus ohne bezweckende Absicht im Werk zu handeln, ohne Willen auszuw\u00e4hlen, ohne ehrgeizige Tendenz zu verdeutlichen, ohne Dogma Ma\u00dfst\u00e4be zu setzen. Alles Paradoxien, die jedoch in der Kunst selbst aufl\u00f6sbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur dann ist der K\u00fcnstler frei in seiner Kunst, nur dann begegnet er der Wirklichkeit, wie sie ist, wenn er sich ihr voller Vertrauen \u00f6ffnet, ohne Angst und Sorge ausliefert, da er ja ein Teil von ihr ist, ein Mit-Wirklicher sozusagen, in dem die Dinge wiederklingen, die er zu Einsichten strukturiert in seinem Werk, womit er nicht nur sich selbst Wirklichkeit aneignet, sondern auch allen Menschen im Werk hinterl\u00e4\u00dft, als Quelle, Wirklichkeit in ihrem Wesen anschaulich zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>So vergr\u00f6\u00dfert Kunst unsere Freiheit, indem sie uns aus der despotischen Welt der Tatsachen befreiend, diese in Wirklichkeit verwandelt, welche im Bewu\u00dftsein anschauliche Erkenntnis wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der geschilderten Beziehung des K\u00fcnstlers zur Wirklichkeit leiten sich folgerichtig seine Entscheidungen in der Konfrontation mit der Macht, seine Bef\u00e4higung zu Verantwortung und sein unaufgeblicher Glaube an die Verwirklichung von Wahrheit ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Verh\u00e4ltnis des K\u00fcnstlers zur Macht erkennt man vielleicht am deutlichsten sein Verh\u00e4ltnis zur Freiheit der Kunst. Der K\u00fcnstler ist zu allen Zeiten mit der Macht konfrontiert gewesen und mu\u00dfte sich entscheiden, nicht nur f\u00fcr oder gegen die \u00e4u\u00dferen Machthaber in Politik und Kultur, sondern auch f\u00fcr oder gegen den inneren eigenen Machtwillen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freiheit der Kunst, wie ich sie vorhin als im Anschaulichen Wirklichkeitserzeugende beschrieben habe, kann nicht realisiert werden, wenn wir in \u201e\u00e4ngstlicher Unterw\u00fcrfigkeit&#8220; (Solschenizyn), aus Furcht vor Mi\u00dfachtung oder Nichtbeachtung, dem Druck der M\u00e4chtigen nachgebend, nicht nur die eigene, sondern unser aller Freiheit aufgeben; wenn wir aus der stetigen eitlen Furcht, als konservativ, nicht up to date, nicht fortschrittlich zu gelten, die sinnvollen und erkenntnisreichen Erfahrungen der Geschichte unserer Kultur, im hier engeren Sinne: unserer Kunst leichthin \u00fcber Bord werfen oder verschweigen, um von der Last ihres Reichtums, ihrer Gr\u00f6\u00dfe, ihres Ma\u00dfes befreit, uns nicht eingestehen zu m\u00fcssen, wie wenig wir selbst, wie vermessen unsere Selbstbehauptungen sind, und statt dessen diese begl\u00fcckende Quelle gegen die d\u00fcrre Trockenheit von allerlei modischem oder verf\u00fcgtem Unsinn eintauschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hier, leben in einer liberalen Gesellschaft, die die Kunst nicht als wirklichkeitsschaffende und wirklichkeitsformende erlebt und erwartet; im Gegensatz zu totalit\u00e4ren Gesellschaftssystemen, die die Freiheit der Kunst f\u00fcrchten, weil sie sehr wohl wissen, da\u00df die Kunst das Bewu\u00dftsein der Menschen so weitreichend und nachhaltig zu formen vermag, da\u00df die herrschende Macht entweder dieses sich stetig erneuernde Bewu\u00dftsein in ihre Herrschaft mit einbeziehen mu\u00df &#8211; dann verliert sie ihre Vormacht &#8211; oder aber die Freiheit der Kunst durch Gewalt vernichten mu\u00df &#8211; dann beh\u00e4lt sie ihren Status.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese glauben also an die wirklichkeitsschaffende Kraft der Kunst und nehmen sie im w\u00f6rtlichen Sinn todernst, deshalb beugen sie mit allen Mitteln ihre Freiheit um ihrer utopischen oder selbsterhaltenden Ziele willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die liberalen Gesellschaftssysteme lassen zwar alles zu, jeder K\u00fcnstler kann hervorbringen, was er will im Rahmen seiner pers\u00f6nlichen und privaten Bedingungen. Doch durch die existentielle Verh\u00e4ltnislosigkeit, durch die so viel gepriesene pluralistische Gleich-G\u00fcltigkeit gegen\u00fcber aller substanziellen Kraft der Kunst, verhindern sie ihre Wirksamkeit, vernichten sie indirekt ihre wahre Freiheit und schw\u00e4chen und erm\u00fcden die sch\u00f6pferischen Kr\u00e4fte ihrer K\u00fcnstler. &#8211; Es soll hier jedoch nicht \u00fcbersehen werden, da\u00df in diesem Verh\u00e4ltnis nicht nur \u201edie Anderen&#8220;, sondern auch die K\u00fcnstler selbst stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir sahen, lebt die Freiheit der Kunst nicht vom bindungslosen Ins-Willk\u00fcrliche-Setzen von Irgend-Etwas, sondern aus der durch Interesse zwischen Ich und Welt gestaltgewordenen Ansprache und Bezogenheit des Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ernsthafte Bedrohung unserer k\u00fcnstlerischen und geistigen Verwirklichungsm\u00f6glichkeit wird gerade wirksam im Gleich-G\u00fcltigen, im Sinne von alles ist in gleicher Weise g\u00fcltig, im mangelnden Anspruch, im nicht anzutreffenden Bed\u00fcrfnis, das uns, die K\u00fcnstler als f\u00fcr sich n\u00f6tig, n\u00e4mlich f\u00fcr das gemeinsame Leben notwendig verst\u00fcnde. Statt dessen vernutzt man auf allen Seiten die Kunst zum dekorativen, nichtigen, unterhaltsamen Zeitvertreib oder zum repr\u00e4sentativen Aush\u00e4ngeschild drinnen wie drau\u00dfen; oder man zieht aus ihr vom Wert her einen imagin\u00e4ren, vom Materiellen her versch\u00e4mt klagend einen merkantilen Gewinn, oder man hausiert schlie\u00dflich mit der Kunst als ewiger Bildungsleiche, die bel\u00e4stigt und zugleich einsch\u00fcchtert und die dennoch niemand endg\u00fcltig zu begraben wagt in der sich seit Jahren um und um w\u00e4lzenden Bildungspolitik, an welchen Vorg\u00e4ngen wir im \u00fcbrigen alle beteiligt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>So raubt die Liberalit\u00e4t dem K\u00fcnstler seinen lebenswichtigen Boden, die Ursache, den Grund, aus dem und f\u00fcr den er Wirklichkeit durch Kunst erzeugen will und mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eMacht&#8220; der Gleichg\u00fcltigkeit bewirkt in der Folge die Anpassung des K\u00fcnstlers an das gerade zum Neuesten erkl\u00e4rte. Die m\u00fc\u00dfige Originalit\u00e4tssucht des Fortschrittlichen beherrscht und gebiert kurzlebige Machwerke, denen der K\u00fcnstler, aus wenn auch verstehbarer so doch schw\u00e4chlicher Sehnsucht nach pers\u00f6nlicher Geltung nachh\u00e4ngt, denen er &#8211; Sie mit der g\u00fcltigen Wirksamkeit seines Werkes verwechselnd &#8211; folgt oder die er sensationell zu \u00fcberreizen sucht, und auf diese Weise vernichtet er in sich seine besten sch\u00f6pferischen Kr\u00e4fte im Erzeugen von Klischees und unverbindlichen Formh\u00fclsen. &#8211; Sp\u00fcrt er aber den substanziellen Verlust seiner ehemaligen sch\u00f6pferischen Antriebskr\u00e4fte, so verscheucht er diese Skrupel rasch, um die scheinhafte W\u00e4rme einer Cliquengemeinschaft nicht gegen die meist unertr\u00e4gliche Einsamkeit des Nichtdazugeh\u00f6renden, des Isolierten zu vertauschen, dem auch die unfruchtbare Gefangenschaft im Elfenbeinturm gefahrvoll ins Haus steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirklichkeit der Kunst verkehrt sich auf diesem Wege zur L\u00fcge \u00fcber die Wirklichkeit, zum Betrug an ihr, zum Schein, wie das M\u00e4rchen \u00fcber \u201eDes Kaisers neue Kleider&#8220; in un\u00fcbertroffener Weise erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Macht drau\u00dfen und im Innern des K\u00fcnstlers verlangt nicht viel von ihm: \u201enur&#8220; mitmachen, nicht widersprechen, nicht st\u00f6ren, gute Miene zum unwahren Spiel, nur jene stille Feigheit, sich nicht unbeliebt zu machen, nur die banale Rolle des angenehmen und bequemen Zeitgenossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt Einsicht durch geduldige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, verlangt die Macht \u201enur\u201c den loyalen, d. h. den dem gerade Herrschenden zugetanen Kompromi\u00df auszuhalten, auch gegen die bessere eigene Einsicht. Statt des aufrichtigen Bekenntnisses im Werk nach bestem Wissen und Gewissen, ein mit scheinheiligen Seufzern begleitetes Ausweichen auf die \u201eVerh\u00e4ltnisse&#8220;, die von nun an die Wirklichkeit ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus solcher zum pers\u00f6nlichen Gewissen schiefen Anpassung an die angstvoll befolgten opportunen Spielregeln der Macht kann keine Kunst erwachsen, die Wirklichkeit im Bewu\u00dftsein zur Anschauung zu bringen vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar an diese \u00e4u\u00dferst aktuellen \u00dcberlegungen, die jeder von uns f\u00fcr sich auf die ihm gerade je vorliegende Situation beziehen kann, schlie\u00dft sich die unvermeidliche Selbstaufforderung zu Verantwortung an, die jeder tr\u00e4gt, wenn er in irgendeiner Weise mit der Kunst befa\u00dft ist. Im Vertrauen auf die andern kann man sich nicht aus der Verantwortung &#8211; nat\u00fcrlich auch nicht der k\u00fcnstlerischen &#8211; stehlen. Im eigenen Werk bekennt sich der K\u00fcnstler, ob er will oder nicht, als ein Eigenst\u00e4ndiger oder Angepa\u00dfter, als ein Tapferer oder Feiger, als ein Einsichtiger oder Uneinsichtiger, als Wahrheitssuchender oder als Scharlatan, er gibt sich zu erkennen als der, der eben gerade, selbst, in seiner Beziehung zum Ganzen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Verantwortung vor der Freiheit der Kunst stehend ist nicht der Irrtum, die fehlerhafte Einsicht die irrige Tat sein Hindernis, wie er vielleicht gern einwenden m\u00f6chte, um ihrem Anspruch zu entkommen, im Irrtum erlebt sich der K\u00fcnstler wie jeder andere als ein Mit-in-die-Wirklichkeit-Gestellter, an dieser ungesichert handelnd Beteiligter. Aus dem Irrtum erf\u00e4hrt er \u00fcberhaupt erst seine Verbundenheit, seine unverlierbare Teilhabe am Ganzen. Im Irrtum erkennt er sich als Mitmensch, als einer, der dazu geh\u00f6rt, weil er mitschuldig wird und weil er daran leidet. Doch erst, indem er bereit ist, seine Irrt\u00fcmer erkennen zu wollen, gewinnt er die Freiheit, aufs neue zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Verantwortung f\u00fcr die Freiheit der Kunst ist so betrachtet keine B\u00fcrde aus Furcht vor Irrtum oder Versagen, sondern eine Form der Teilhabe an der Wirklichkeit, die die Erfahrung der W\u00fcrde und Gr\u00f6\u00dfe des k\u00fcnstlerischen, wie auch jedes anderen sch\u00f6pferischen Tuns offenbart. &#8211; Verantwortung sei hier nicht zu verwechseln mit der gern an ihre Stelle gesetzten Pflicht Die Verantwortung ist nur dem Wissen und dem Gewissen verpflichtet Das Wissen zielt nach au\u00dfen, in die Erkennbarkeit von Wirklichkeit, das Gewissen richtet sich nach innen, in das Ethos der Person. Nur beide zusammen, Wissen und Gewissen erzeugen jene Handlungsfreiheit in der Bindung an das zu Beginn ausgef\u00fchrte Interesse (inter-esse &#8211; dazwischensein) des K\u00fcnstlers in Spannungsfeld zwischen Welt und subjektivem Erleben, zwischen der Objekt oder Dinghaftigkeit und dem personalen Ich. Die Verantwortung des K\u00fcnstlers in Unabh\u00e4ngigkeit von der Macht ist quasi nur die, wenn auch unabl\u00f6sbare R\u00fcckseite jenes zu Beginn ausgef\u00fchrten Verh\u00e4ltnisses zur Wirklichkeit, die den K\u00fcnstler in die M\u00f6glichkeit setzt, Freiheit der Kunst zu \u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles bisher Ausgef\u00fchrte stellt eine letzte und schwierigste Frage nach dem Ma\u00df und Wert, nach der verbindlichen Wirklichkeit dieser wirklichkeitsbezogenen Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin bei meiner vorbereitenden Lekt\u00fcre zu dieser Rede immer wieder sehr zutreffenden Antworten auf alle diese Fragen begegnet, die alle einen gemeinsamen Kern haben; vornehmlich fand ich Anregungen bei Camus, Solschenizyn, Konrad Fiedler und Heidegger, denen und vielen anderen (siehe Literaturverzeichnis) ich die Kl\u00e4rung und St\u00fctzung meiner eigenen Erfahrungen und Gedanken f\u00fcr diese Ansprache verdanke, so da\u00df ich mich im Versuch, diese letzte Frage zu beantworten, auch weiter auf sie berufen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es dem K\u00fcnstler gelingt, und es gelingt ihm ja gar nicht so oft, wie man sich das gemeinhin vorstellt, alle vorgenannten Einstellungen und Haltungen in sich wie in einem Brennglas zu sammeln und aus eben diesem Befinden Wirklichkeit zur Anschauung zu bringen, wird in seinem Werk etwas sichtbar, ablesbar, was ich am dichtesten bei Heidegger in seiner Schrift \u201eDer Ursprung des Kunstwerks&#8220; in Sprache gefa\u00dft vorgefunden habe:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Kunst ist das Ins-Werk-Setzen der Wahrheit&#8220;. Dies ist gesagt in Bezug auf den hervorbringenden K\u00fcnstler. Da Heidegger den Kunstbetrachter als den \u201edie schaffende Bewahrung im Werk&#8220; Vollziehenden in dieses Geschehen einbezieht, kann er an anderer Stelle fortfahren: \u201eDas ist so, weil die Kunst in ihrem Wesen ein Ursprung und nichts anderes ist: eine ausgezeichnete Weise, wie Wahrheit seiend und d. h. geschichtlich wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne hier im geringsten dem dichten Denkgef\u00fcge Heideggers gerecht werden zu k\u00f6nnen, ist es mir wichtig, in aller Vorsicht von mir aus hinzuzuf\u00fcgen, da\u00df durch Kunst, wenn sie wirklich Kunst ist, Wahrheit geschieht. Dieses ist also nicht die Behauptung oder der Besitz einer vorab gewu\u00dften und gesetzten Wahrheit, welcher der K\u00fcnstler gleichsam wie mit einer W\u00fcnschelrute nachstellt, um sie dann im Werk aufzudecken, sondern das Ins-Werk-hinein-geschehen-lassen der Wahrheit im wagnisvollen und gleichzeitig bescheidenen Handeln des K\u00fcnstlers. Dieses kann geschehen, wenn er Gl\u00fcck hat, oder anders ausgedr\u00fcckt: Wahrheit setzt sich ins Werk, wenn der K\u00fcnstler in der versammelten Offenheit seiner Person wirklichkeitsdurchl\u00e4ssig wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will noch einmal aufgreifen, was ich \u00fcber die Haltung des K\u00fcnstlers zur Wirklichkeit, \u00fcber seine innere Befa\u00dftheit am Anfang beschrieben habe, weil es die Wege kennzeichnet, die in die N\u00e4he der Erm\u00f6glichung solchen \u201eGeschehens&#8220; f\u00fchren k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<p>Des K\u00fcnstlers Schaffen ist erst dann richtig begonnen, wenn er nichts will, absichtslos sich hingibt an die Ganzheit der Wirklichkeit und nicht das Soziale bek\u00e4mpft oder das Ideale in seinem k\u00fcnstlerischen Tun verteidigt, sondern in sich die Welt wiederklingen l\u00e4\u00dft, weil er eine Art Instrument ist, das, in Schwingung versetzt, Bilder \u00fcber diese Welt erzeugt. Je reiner die Resonanz in dem K\u00f6rper, in der Person (personare = erklingen), um so mehr &#8211; im Sinn von wahr &#8211; wird Kunst herausklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>So w\u00e4re Freiheit der Kunst das Losgelassensein von Zwecken und Vorhaben, w\u00e4re ein Geschehenlassen von Wahrnehmen und Antworten, in welchem der K\u00fcnstler durchl\u00e4ssig ist f\u00fcr das Wirkliche, es aufnimmt und es vielleicht &#8211; wie gesagt, wenn er Gl\u00fcck hat &#8211; als Wahrheit im Werk abgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Sorge um das Mi\u00dflingen, um das Versagen ist kleinm\u00fctig und zugleich hochm\u00fctig, obgleich ich sehr wohl um die Z\u00e4hlebigkeit dieser Sorge wei\u00df. Erinnern wir uns der Verantwortung; sie besteht ja nicht darin zu siegen; das ist nicht unsere Sache, sondern darin, die Hoffnung &#8211; trotz des Versagens &#8211; nicht aufzugeben, da\u00df wir Freiheit und Wahrheit durch Kunst in die Wirklichkeit immer wieder von neuem setzen wollen,<\/p>\n\n\n\n<p>Solschenizyn sagt in seiner Nobelpreisrede: \u201eMut und Entschlu\u00dfkraft stellen sich nur ein, wenn wir zu Opfern bereit sind\u00ab. Das ist eine hierzulande unpopul\u00e4re und auch wenig trainierte Einstellung. Was also m\u00fc\u00dfte beispielsweise zum Opfer fallen, damit unser Mut sich entschlie\u00dfen kann, f\u00fcr die Freiheit der Kunst zu handeln: gewi\u00df unser Unverh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit oder unsere eitle und \u00e4ngstliche Beziehung zur \u00e4u\u00dferen und inneren Macht, aber auch die falsche Ruhe der erf\u00fcllten Pflicht um der wichtigeren Verantwortung willen, oder unsere resignative Sorge um die Unerreichbarkeit der Wahrheit und vermutlich noch manches andere. Jedenfalls Mut brauchen wir wirklich am allern\u00f6tigsten, weder Kleinmut noch Hochmut, sondern eben \u201enur&#8220; Mut, uns in die Wirklichkeit hinein bejahend loszulassen, um sie wahrnehmend zu verstehen und zu ihrem wahren Ausdruck zu bringen in der Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird uns vielleicht auch jene Zivilcourage und Klugheit zuwachsen, derer wir bed\u00fcrfen, um in anstehenden Entscheidungen f\u00fcr die wirkliche Freiheit der Kunst im kulturpolitischen Teil unserer Lebensrealit\u00e4t den ihr angemessenen Raum zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Venedig, im Juli und August 1976<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludmilla von Arseniew &#8211; Die Freiheit der Kunst Immatrikulationsrede, gehalten am 3.11.1976 in der Abteilung f\u00fcr Kunsterzieher der Staatl, Kunstakademie D\u00fcsseldorf in M\u00fcnster Liebe Kommilitonen und Kommilitoninnen, meine Damen und Herren! 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